Geschichte

Kleiner Führer durch die Alte Kirche
zu Pellworm

von Pastor Manfred Karl Adam

Ursprünglich war die Alte Kirche zu Pellworm unserem Heiland und Erlöser geweiht und wurde daher St. Salvator (lat.) genannt. Diese Namengebung findet sich bereits bei einer der frühesten, von dem Friesenapostel Willibrord (gest. 738) erbauten Missionskirche in Utrecht und weist darauf hin, daß die Alte St. Salvator Kirche zu Pellworm zu den ersten Kirchbauten des Mittelalters in Nordfriesland gehört.

Das von Adam von Bremen um 1072 erwähnte nordelbische Bistum „Farria” kann mit großer Wahrscheinlichkeit als das Gebiet des ersten „Strandes” und des mittelalterlichen „Föhr” angesehen werden. Noch im Jahre 1198 schrieb der mächtige Papst Innozenz III. direkt an den Propst von „Strand et Ford”.

Die bei den Grabungen 1907 unter dem Fundament der heutigen Apsis gefundenen Eichenholzschwellen sind Reste der ersten, hölzernen Alten Kirche auf dieser Warft. Die `zweite Alte Kirche‘, von welcher der romanische Chorraum aus Tuffstein und die Apsis zeugen, ist im Jahre 1095 erbaut worden. Die Namengebung unserer Kirche und ihre geographische Lage bezeugen, daß es sich um eine der sog. „Hardeskirchen” des alten Strandes handelt. Bis zur „Großen Manndränke”, der Sturmflut des Jahres 1362 gehörten Pellworm, das heutige Nordstrand, die Hamburger Hallig und die Hallig Nordstrandischmoor zu einem zusammenhängenden Landgebiet. Viele reiche Kirchspiele verschwanden in dieser Flut des 14. Jahrhunderts, als gleichsam das nordfriesische Wattenmeer mit seinen Inseln und Halligen entstand. Tausende Menschen fanden den Tod in den Fluten, auch das sagenumwobene Rungholt, das in der Nähe der heutigen Hallig Südfall lag, wurde durch das eindringende Meer zerstört. Nach der Flut von 1362 bildete sich in unserem Bereich als Rest des Strandes die hufeisenförmige Insel Nordstrand, die wir aus historischen Gründen fortan „Alt-Nordstrand” nennen, um sie vom heutigen Nordstrand zu unterscheiden (siehe die Karte rechts im Chorraum!).

Im Jahre 1634 vernichtete eine verheerende Flut in einer Nacht den größten Teil dieser früher reichen Marscheninsel. Von ihren 22 Kirchen wurden 19 zerstört. Über 6000 der nahezu 10000 Einwohner ertranken. Nur die mittelalterlichen Kirchen von Pellworm Alte Kirche und Odenbüll auf dem heutigen Nordstrand sowie die Neue Kirche zu Pellworm, welche erst kurz vor dieser Flut erbaut war, überstanden diese furchtbare Katastrophe. Die Alte Kirche war zunächst die Hauptkirche der Pcllwormhardc (Harde ist eine vom Mittelalter bis in die Neuzeit verwandte Bezeichnung für die politische

Zusammenfassung mehrerer Kirchspiele) und bis 1638 auch das Gotteshaus der Hooger, die 1362 ihre Kirche verloren hatten. Einige Jahre nach der Flut von 1634 bauten sich die Hooger aus den Resten untergegangener Strander Kirchen ihre Halligkirche. –
Die Anfänge unserer Alten Kirche reichen also bis weit vor die Zeit des Dänenkönigs Knut des Großen (1018-1036) zurück, der auch über den Landesteil Schleswig und einen großen Teil Englands (Danelag) herrschte. Die ersten skandinavischen Holzkirchen der Missionszeit wurden meist auf oder direkt neben den Thingplätzen erbaut. Und die Thingplätze lagen oft auf geraden Linien und in gleichen Abständen von einander entfernt. Deshalb finden sich die Kirchen von Tating / Eiderstedt, Alte Kirche / Pellworm, Nieblum / Föhr und Keitum / Sylt exakt auf einer Himmelsrichtungslinie und ebenso in gleicher Entfernung voneinander. Die vorchristlichen Thingstätten waren Plätze für die Religionsausübung (Kultus) und die Rechtsprechung.

Der ursprünglich romanisch angelegte, der ersten Holzkirche folgende Steinbau der Alten Kirche zeigt sich noch heute in Chorraum und Apsis. Hell-brauner ‚Puffstein kam im Mittelalter zunächst als Ballastgestein mit den aus dem Süden (Rheinmündung/Dorestad) heimkehrenden friesischen Getreideschiffen. Vorbild im Material und in der Stilausrichtung war für Pellworm vielleicht der Dom zu Ripen (Ribe) in Dänemark, so daß unsere Alte Kirche der südlichste Ausläufer der Tuffsteinkirchen an der Westküste war.

Das Kirchenschiff steht wie der Chorraum auf einem Sandsteinmauerwerk, ist aber aus rotem Backstein im sog. Klosterformat errichtet. Es wird wohl einst auch aus Tuff gewesen sein und weist romanische, unbestimmte bis barokke Stilelemente auf. Am südlichen Eingangsportal sind unter späterem gotischen Spitzbogen noch die beiden Freisäulen des ehemaligen romanischen Portals zu erkennen.

Die im Westen der Warft stehende, markante Turmruine aus dem 13./14. Jahrhundert war früher mit der Kirche unmittelbar verbunden. Es ist historisch verbürgt, daß der Turm vor seinem Zusammenbruch 52 Meter hoch war. Noch heute sieht man an der Ruine gotische Fensterreste und die Balken-und Rüstlöcher vergangener Zeiten. Vielleicht hat den Turm auch einmal ein Wehrgang umgeben. Auf jeden Fall war der Kirchturm auch Zufluchtsort, Seezeichen und barg das Läutewerk der Glocken. Im 15. Jahrhundert hauste der bekannte, aus Dithmarschen stammende Seeräuber Cort Wiederich im Turm, stahl u.a. die „alte” Taufe (heute in Büsum) und nutzte das Gebäude als „Veste”. Im Jahre 1611 ist der Turm zusammengestürzt, weil er durch einen Grundbruch der Warft seinen stallselten 1 lall verloren hatte, so daß die heutige Ruine nur noch 26 Meter mißt. Der stille Friedhofsbesucher entdeckt in der Ruine die heutigen Piraten, unsere zahlreichen „Turmfalken.

Unterhalb des Turmes befindet sich der Heimatlosenfriedhof, auf dem meist unbekannte, am Strand angetriebene Leichen christlich bestattet wurden und werden. Der Gedenkstein für 15 junge Schweden erinnert an den tragischen Untergang des nachgebauten Wikingerschiffes „Ormen friske“im Jahre 1950, welche später nach Schweden umgebettet wurden. Am 21. Juni 1998 wird an derselben Stelle ein Gedenkstein für die 96 alliierten Soldaten gelegt, welche auf Pellworm und den Halligen von 1940 bis 1947 ihre erste Ruhestatt fanden. Die biblischen Worte wurden bei der Beisetzung der ersten Flugzeugcrew 1940 von Pastor Karl Hansen ausgewählt. („Jesus Christus spricht: Ich bin die Auferstehung und das Leben.” und „Es ist nur ein Schritt zwischen mir und dem Tod“). 1 Der spätgotische Altar unserer Kirche stammt aus der Zeit um 1460. Sein geöffneter Aufsatz zeigt mit den aus Eichenholz geschnitzten Gruppenbildern sieben Szenen aus der Passionsgeschichte, der Leidensgeschichte Jesu. Die Innenflügel sind nur bei Kirchenführungen zu sehen und gehören zu einem 16teiligen Bilderaltar, der Gemälde aus der Mariengeschichte erzählt. Die Rückseite des gänzlich geschlossenen Aufsatzes zeigen Bilderreste, den sog. „Märtyrerbaum”, der an die Leiden der frühen Christen erinnert, und die „Gregorsmesse” (Papst Gregor der Große initiierte die Mission Englands, welches Friesland und Nordfriesland dann später seine Missionare sandte!).
Die jetzige Bronzetaufe stammt aus der 1634 untergegangenen Kirche zu Buphever und wurde 1475 von Hinrich Klinghe gegossen.

Über der Südertür sieht der Besucher eine der ältesten Epitaphien einer Pastorenfamilie aus dem Jahre 1601. Im Zentrum der unteren Szene steht die Frau des Pastors. Die meisten der abgebildeten Kinder sind zur Zeit der Abfassung des Wandbildes bereits verstorben, werden aber mitten unter den Lebenden kniend, betend und unter der Szene Golgathas befindlich dargestellt.
Der Beichtstuhl von 1691 weist uns darauf hin, daß die Beichte in den lutherischen Kirchen zwar nicht als Sakrament beibehalten, aber als „Amt der Schlüssel” weiter praktiziert wurde – auf Pellworm etwa bis ins ausgehende 19. Jahrhundert.

Die Bilder rechts und links der Chorwand zeigen den Pastor und Inspector der Nordstrander Kirchen Johannes Heimreich (1586-1664) sowie seine Ehefrau. An der Südwand hängen die Portraits von Pastor Petrus Harrsen und seiner Frau (18. Jahrhundert). Während seiner Amtszeit wurde im Jahr 1711 auch unsere Arp-Schnitger-Orgel gestiftet und erbaut. Sie ist das einzige in Schleswig-Holstein noch erhaltene Instrument dieses berühmten barocken Orgelbauers und wurde in den Jahren 1987 bis 1990 im Detail historisch erneuert von der Firma Hillebrand aus Hannover.

Ostern und Pfingsten sowie von Juli bis Anfang September finden an unserer Arp-Schnitger-Orgel jeden Mittwochabend um 20.30 Uhr Orgelkonzerte statt, zu denen namhafte Künstlerinnen und Künstler aus dem In- und Ausland eingeladen werden.

Zur heutigen Ev.-Luth. Kirchengemeinde Insel Pellworm gehören ca. 1100 Gemeindeglieder. Die Freizeithelferinnen und Freizeithelfer des Gemeindedienstes‘ unserer Nordelbischen Kirche betreuen im Juli und August die Sommergäste mit unterhaltsamen und geistlichen Veranstaltungen im Anton-Heimreich-Haus.

Wir freuen uns, wenn Urlauber und Pellwormer in unsere Alte Kirche kommen. Sie ist das über 900jährige Haus, in dem wir unsere Gottesdienste feiern. Im März 1998 wurde unsere bald 500jährige Neue Kirche durch einen Brand schwer zerstört. Wir haben mit den Versicherungsmitteln und einigen Spenden das jüngere Gotteshaus unserer Insel wieder aufgebaut und im Oktober 2001 mit einem Festgottesdienst und der Orgelweihe Gott und allen 1 Helferinnen und Helfern beim Wiederaufbau von 1 Herzen gedankt.

Daß die Alte Kirche als Gebäude einer grundlegenden baulichen Erneuerung bedarf, war uns im Kirchenvorstand immer vor Augen. Von der Heizung bis zum Dachstuhl müssen wir unsere Alte Kirche renovieren, das historische Gestühl überarbeiten und vor allem auch das Mauerwerk sichern. Und das schaffen wir auf Pellworm nicht aus eigenen Mitteln. Deshalb sind wir auch auf die Hilfe jedes Besuchers der Alten St. Salvator Kirche zu Pellworm angewiesen. Das unten angegebene Konto kann genutzt werden oder der Sammelkasten im Kirchenschiff.